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Saisonstart 2021:

Ja, aber natürlich ist es großartig in der Dämmerung aufzustehen und loszufahren, um mit Eis an den Füßen den Sonnenaufgang zu erleben. Mit “Ice, ice Baby” (Vanilla Ice) auf den Lippen ging es bei bester Dämmerung in das harsch gefrorene Feldgras. Am Himmel der neue blinkende Copter der Rehkitzrettung Sottrum und lichter werdende Dämmerung. Tag 1 unserer diesjährigen Kitzrettungssaison startete bei Minusgraden. 44 Hektar lagen vor uns. Grünroggen, Feldgras bzw. Mischung mit Klee.

 

Kitz 1
Gleich auf dem ersten Schlag finden wir ein noch sehr junges Rehkitz. Dirket neben einer Hofstelle. Wir lassen es in der Fläche sitzen, stülpen einen Korb darüber, befestigen ihn mit Heringen und markieren mit zwei Litzenpfählen sowie Trassierband den Fundort, damit der Landwirte weiß, wo er drum herum mähen muss. Die Ricke hütet fast die gesamte Zeit, nicht weit entfernt von der “Insel” die Situation. Vermutlich hat das flatternde Trassierband dafür gesorgt, dass sie nicht an Kitz und Korb gehr. Das zeigt, wie stark mit einer Rettungsaktion in dem Moment in die Natur eingegriffen wird.

 

Kitz 2
mit viel Liebe 2 Tage alt, finden wir im Roggen. In diesem Fall setzen wir es in ein nahes Waldstück, obwohl wir ein Umsetzen tunlichst vermeiden. Wenige Stunden später klagt es bereits fürchterlich. Eine Ricke ist nicht auszumachen, aber durch die kleinen Waldstücke in der Nähe vielleicht auch einfach nicht zu sehen. Das Kitz ist beim Freilassen ziemlich von der Rolle, eindeutig durcheinander und orientierungslos, springt mich wiederholt an, weicht nicht von meiner Seite und folgt mir. Es braucht eine ganze Weile, um klar zu kommen und den Weg von mir weg zu finden, zu realisieren, dass ich die falsche Bezugsperson bin. Immer wieder schwer, so ein kleines Kitz in die nahe ungewisse Zukunft zu entlassen.

 

Kitz 3 und 4

finden wir in einer Feldgrasmischung. Der Landwirt will, dass die Kitze rausgetragen werden. Keine gute Entscheidung, da sie beide deutlich unter einer Woche alt sind, eher zwei, drei Tage alt. Das eine erheblich dunkler in der Decke. Dann wird die Mahd auch noch abgesagt. Also unnötiger Streß mit dem Heraustragen. Suchende Ricken sind hier ebenfalls nicht zu entdecken, der Schlag ist allerdings groß genug und noch weitere, dick gehende Ricken befinden sich im Anblick.

 

Kitz 5
ist die Herausforderung des Tages. Beim Weg zum Copter, der über einem evtl. Fund ausharrt, macht ein Team eine Ricke mit Kitz hoch, die gemeinsam in einem Bett saßen. Laut Wissenschaft/Biologie (und Erfahrung) ein Zeichen dafür, dass es sich um ein ganz junges Kitz handeln musse. Was evtl. dagegen spricht: Das es hochflüchtig flüchtet, obwohl es echt mickrig ist. Interessant ist, dass die Stücke in unterschiedliche Richtungen abspringen, was Zufall sein kann, aber auch, um einen möglichen Feind zu verwirren und zwei unterschiedliche Fährten zu legen. Das Kitz macht nur wenige Meter, flüchtete aber sofort weiter und dann gleich etwa 30 Meter. Dort tut es sich zwar nieder, drückt sich aber nicht und ist in höchster Alarmbereitschaft. Solche Situation bedürfen viel Wissen und Geschick. Nur ein vorsichtiges Anpirschen, langsames Ducken und dann beherztes Zugreifen führt zum Erfolg, was aber mindestes zwei Hechtsprünge erfordert, um es endlich fest in den Griff zu bekommen. Dann tobt es unter dem Korb und beruhigte sich erst, als der weiter mit Gras bedeckt wird.

 

Die spätere Freilassung gestaltet sich ähnlich. Es wird sofort im Korb hoch (stand auf) und zappelt herum. Kaum ist der Korb runter, geht es hochflüchtig ab. Ein sich in der Nähe aufhaltendes weibliches Stück springt ab, als sich auf der Nebenfläche Landwirte zum Arbeiten nähern. Trotz nachahmenden Kitzfiep ist diese Ricke nicht zu locken – sie verhoffte zwar, macht aber keine Anstalten, kehrt zu machen, eine andere ebenfalls nicht. Während das Kitz weite Bogen schläg und läuft und läuft, sichtlich durcheinander auf der Wiese herumirrt, auch immer wieder in die Nähe der Grasinsel, wo es zuletzt gesessen hat zurückkehrte, dreht es weiter seine Runden. Was aus ihm geworden ist? Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht.

 

Das ist immer wieder der schwere Moment bei so einer Freilassung: Bleibe und beobachte ich aus der Ferne, was geschieht oder sage ich mir “vor dem Mähwerk haben wir es gerettet, dem Landwirt geholfen”, hake die Rettung ab und überlasse es jetzt wieder dem (natürlichen) Schicksal?