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Wehrhaftes Wild

Na, wer vom Fach ist, denkt sicher gleich an unser geliebtes Schwarzwild. In diesem Fall gilt es allerdings dem Rehwild, was bei Kitzrettern naheliegend ist.

Mit 6 Uhr Einsatzbeginn sind wir heute eher spät dran. Ungewohnt ist dazu, nur mit drei Leuten – plus einem Piloten – auf den Wiesen unterwegs zu sein. 10 Hektar am Stück (4 Flächen nebeneinander) erwarten uns. Der Bewuchs ist hoch, alles ist sehr dicht, aber für Bauch-Beine-Po das perfekte Training. Dazu noch kostenlos und an der frischen Luft.

Wie es dann so ist, lässt sich eins der Kitze im hintersten Zipfel aufspüren (und fangen).

Auf dem Rückweg wird das nächte aufgelesen. Und, das habe ich noch niemals erlebt, wie empört ein so junges Kitz sein kann. Vielleicht gerade mal eine Woche alt zappelt es nicht nur wie wild, sondern fiept es quasi um sein Leben. Kein richtiger Angstfiep, aber empört ist und bleibt es. Selbst, als wir eine Viertelstunde später die Wiese verlassen, jammert es noch unter seinem Korb.

Auf der Wiese geht es Schlag auf Schlag, drei weiteren Kitze werden gesichert.

Auf den nächsten Flächen ist nichts, mittlerweile ist es bei 27 Grad schwülwarm und das kühlende Bad im nahegelegenen Fluss heiß herbei gesehnt.

Beim Freilassen entbrennt dann eine Diskussion mit dem Landwirt. Doch dazu ein anderes mal, da es sich um sich wiederholende Themen handelt.

Während ich erwarte, dass das älteste Kitz sofort hoch wird und das Weite sucht, rechen ich bei dem Kleinsten der Runde am wengisten damit, was mich erwartet: So schnell kann ich am Korb gar nicht handeln, so schnell ist es entfleucht. Erleichternd für die Flucht hinzu kommt, dass die Grasinseln mehr als knapp gemäht wurden.

Wohin geht die Reise? Natürlich in die Richtung, wo eine Wiese gemäht wird. Also, nichts wie hinterher. Halt, stopp, nicht hinterher. Das Kitz gut im Auge behalten und fix eine Taktik überlegen. Umschlagen, im hohen Gras schneller sein und ihm entgegen laufen. Es verhofft, macht einen Satz zur Seite, nimmt die Flucht erneut auf. Wieder schnell genug denken und handeln und vor das Kitz kommen, was erneut gelingt. Bei einem Satz nach dem Kitz macht es selbst einen, kommt ins Straucheln und bietet damit die Chance es zu greifen. Die Empörung ist erneut groß. Seitens des Kitzes. Was nur allzu verständlich ist. Ein Versuch, es mit viel Gras im schattigen Randbereich abzulegen, scheitert. Wie ein Aal entwindet es sich Gras und Handgriff und entkommt beinahe erneut.

Da hilft nichts. Außer, es erneut in einem Korb zu sichern. Also, mit viel Gras das Kitz unter den Arm geklemmt und einen Korb einsammeln gehen, um einen Plan B zu entwickeln. Von Weitem schon sehe ich einen der Jagdpächter (und Landwirte) auf mich zusteuern. Kurze Lagebesprechung und die Lösung ist schnell gefunden: Obwohl das Zeitlimit des Festsetzens überschritten ist, wird es in einen schattigen Bereich gebracht und erneut festgesetzt. Natürlich nicht ohne heftige Proteste seitens des Kitzes. Was nur zu verständlich ist.

Wer aber will schon zugucken, wie nach einer Rettungsaktion so ein Jungtier über die gemähte Wiese eilt, um auf der nächsten im Mähwerk zu landen?

Zum Foto: Die Kitze werden nach dem Freilassen mit Gras bedeckt. Zum einen, damit die “Luftwaffe” sie nicht sofort in den Grasinseln entdeckt, zum anderen bleiben sie in der Regel (länger) sitzen und verhalten sich ruhig.